Wie konnte aus einem talentierten Pianisten Neil Harbisson der erste staatlich anerkannte Cyborg der Welt werden? Ganz einfach durch Farbenblindheit. Und so entwickelte Neil Harbisson aus einer Schwäche eine Stärke und liess daraus auch Kunst entstehen.

Sollten wir alle übermenschlich werden?

Für Neil Harbisson lautet die Antwort klar: Ja! Seine verrückte Lebensgeschichte beginnt im katalonischen Teil Spaniens, wo der Sohn eines irischen Vaters und einer spanischen Mutter aufwuchs. Schon früh attestierte man dem Jungen eine hohe künstlerische Begabung. Doch wegen seiner Farbenblindheit – Neil Harbisson sieht nur Schwarz/Weiss – blieb ihm die visuelle Kunst verwehrt. Umso besser war der Bub am Klavier und begeisterte alle mit seinem Spiel. Er lernte bei den Besten und stand eigentlich vor einer grossen Pianisten-Karriere. Bis er im Dartington College of Arts in England, wo er experimentelle Komposition und Klavier studierte, auf den Kybernetik-Pionier Adam Montandon traf.

Zusammen entwickelten sie ein Implantat, eine Antenne, die ihn Farben hören liess. Das war 2003. Seitdem trägt Neil Harbisson den Eyeborg. Mit diesem kann er Farben wahrnehmen, ohne sie zu sehen. Und das ist nicht das einzige, was er hört. Dass der Eyeborg Probleme ganz eigener Art mit sich bringt, davon erzählt Neil Harbisson unter anderem in seinen faszinierenden Keynotes.

So gab es bereits Zusammenstösse mit Wutbürgern, die ihm seinen Eyeborg ausrissen. Auch als Neil Harbisson einen neuen britischen Pass beantragen wollte, weigerten sich die britischen Behörden ihm diesen Auszustellen, da er den Eyeborg für das Passbild nicht abnehmen wollte. Erst eine Protestwelle der Universität führte dazu, dass ihm ein Pass ausgestellt wurde und ihn der Staat somit als Cyborg anerkannte. Neil Harbisson ist somit der erste offizielle Cyborg der Welt.

Der heute in Brooklyn lebende Cyborg-Künstler bezeichnet sich auch als Cyborg-Aktivist. Er engagiert sich stark für die Kybernetik und ihre Möglichkeiten. Harbisson ist zum Beispiel Mitbegründer der im Jahr 2010 lancierten «Cyborg Foundation», die sich nicht nur für die Rechte von Cyborgs einsetzt, sondern auch für die Erweiterbarkeit der körperlichen Möglichkeiten.
Heute ist der 35-Jährige ein gefragter Keynote-Speaker zum Thema “Cyborgism” und ist gleichzeitig auch ein interessanter Performance-Künstler, der das Publikum mit in seine Welt nimmt. Und die ist unter anderem überirdisch – buchstäblich.